Idee und Auftrag

Die Kirchengemeinde St. Michael zu den Wengen, die Gesamtkirchengemeinde Ulm, die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Kongregation der Franziskanerinnen von Reute sind Träger des Klosterkonvents.

Aufgrund ihrer Lage ist die Wengenkirche als “Citykirche” ein wichtiger Ort für die „Seelsorge im Zentrum” Ulms. Dazu gehören seelsorgerische Angebote für die in der Innenstadt ansässigen Katholiken mit ihren je eigenen Anliegen und pastoralen Bedürfnissen. Daneben rechnet die “Seelsorge im Herzen der Stadt” auch mit vorübergehenden Menschen, die den sich ergebenden Kontakt mit der Kirche nicht geplant haben oder ihn weniger verbindlich gestalten wollen. Die Citykirche St. Michael zu den Wengen will ein Ort gelebter Gastfreundschaft, menschlicher Präsenz und der Besinnung inmitten einer pulsierenden Stadt sein.

Das seelsorgerische Angebot im Herzen der Stadt wird bereichert durch die “Franziskanische Spiritualität” von drei Schwestern aus Reute, die im Wengenpfarrhaus leben und dort einen Konvent bilden. Die Franziskanerinnen stehen für ein Leben aus dem Evangelium in Einfachheit und Freude, geschwisterlicher Begegnung, Achtsamkeit für die Schöpfung und Solidarität mit den Ausgegrenzten. Sie laden ein zu Begegnung, gemeinsamem Beten und (Glaubens)-Gesprächen. Es entspricht ihrem Selbstverständnis, für Kirche und Welt und für die Menschen in unserer Stadt zu beten. Sie teilen das Leben der Menschen in der Berufswelt und im Suchen nach einem Weg in der Nachfolge Jesu.

Aktuelles

Herzliche Einladung zur Einführung

Am zweiten Adventssonntag, den 9. Dezember, werden Sr. Leonie, Sr. Elisa und Sr. Ines innerhalb des Gemeindegottesdienstes um 9 Uhr in ihren neuen Auftrag eingeführt.

Zu diesem Gottesdienst mit anschließendem Stehempfang und der Möglichkeit zur Begegnung laden wir Sie herzlich ein.

Die Orden wie auch die Kirchengemeinden stehen aufgrund der zurückgehenden Nachwuchszahlen vor großen Herausforderungen und damit immer wieder vor Veränderungen. Wir sind der Ordensleitung in Reute dankbar, dass sie am Standort in Ulm festhält und künftig mit einen kleineren Konvent in Ulm präsent bleiben wird.

Pfarrer Dr. Michael Estler

Geschichte

Nach der bis ins 8. Jahrhundert zurückreichenden Pfarrkirche, dem heutigen Münster, war das 1183 als Pilgerspital auf dem Michelsberg gegründete Augustinerchorherrenstift die Zweitälteste kirchliche Institution in Ulm. Erst um 1220 wurde die Kommende des Deutschen Ordens gestiftet, gefolgt von der Gründung des Franziskanerklosters auf dem jetzigen Münsterplatz (1229) und des Dominikanerklosters bei der Dreifaltigkeitskirche (1281).

Die Entwicklung des Augustinerchorherrenstifts verlief wechselvoll. 1215 wurde es vom Michelsberg auf die Blauinseln verlegt, musste dort 1376 erneut weichen und erhielt schließlich 1399 mit Baubeginn der Wengenkirche seine bleibende Stätte in der Innen­stadt. Als letzte innerhalb der Mauern angekommene geistliche Einrichtung spielten die Chorherren im Vergleich zu Pfarrkirche und Bettelorden in der Seelsorge eine eher nachrangige Rolle und widmeten sich vor allem wissenschaftlichen Studien und der Betreuung der Lukasbruderschaft der Künstler. Dies änderte sich, als Ulm 1530 nach Abstimmung der Bürgerschaft zur reformatorischen Lehre übertrat, in der Pfarrkirche evangelischer Gottesdienst gefeiert und die Bettelordensklöster aufgehoben wurden. Nur das Chorherrenstift konnte sich dank diplomatischen Geschicks seines Propstes Ambrosius Kaut neben der unmittelbar dem Kaiser unterstehenden Deutschordens-kommende als katholische Institutionen in Ulm behaupten.

Für die wenigen in der Reichsstadt verbliebenen Katholiken wurde das Wengenstift mit seinen durchschnittlich zehn bis fünfzehn Chorherren zum kirchlichen Mittelpunkt. Freilich blieben dem Stift trotz aller Bemühungen des Bischofs von Konstanz die Pfarr­rechte versagt. Einzige Pfarrkirche in Ulm, so entschied der damals auch für Religions­fragen zuständige Ulmer Rat, sei und bleibe das Münster. Der Aufsicht des Rates mussten sich auch die Chorherren unterwerfen, und nur schrittweise gelang es ihnen, Freiräume für ihre Seelsorgetätigkeit zu erringen. Unangefochten zugestanden wurde zwar die Feier der Eucharistie, aber Predigten wurden erst nach langen Verhandlungen im 17. Jahr­hundert erlaubt. Großzügiger verfuhr der Rat, als er die nach dem Kirchenrecht an eine Pfarrei gebundene Spendung des Bußsakraments und den Kommunionempfang in der Wengenkirche zuließ. Schwieriger zu vereinbaren waren Regelungen für Taufen, Trauungen und Beerdigungen, denen – nach modernem Verständnis – zugleich standesamtliche Bedeutung zukam. Im Ergebnis durften, jeweils auf Antrag, Taufen in Privatwohnungen gespendet werden. Trauungen nach katholischem Ritus mussten jedoch außerhalb Ulms erfolgen. Versehgänge der Chorherren in der Stadt wurden regelmäßig gestattet, zu Bestattungen mussten sie jedoch an einen katholischen Ort, meist nach Söflingen, ausweichen. Da für alle diese kirchlichen Handlungen die Genehmigung des Rats ein­zuholen war, sicherte dieser sich die Aufsicht und blieb über alle Vorgänge informiert.

Das erste Wengenkloster mit Kirche auf dem Ulmer Michelsberg (um 1490)

Mit solchen Einschränkungen konfrontiert, mussten sich die Katholiken zumindest in ihrer Religionsausübung doch als Fremdkörper in der Reichsstadt fühlen, und es bedurfte gewiss eines von Glaubensüberzeugung gefestigten Beharrungsvermögens, um sich in diesem Umfeld zu behaupten. Im Chorherrenstift fanden sie dafür Rückhalt und in der Wengenkirche ihre religiöse Heimat. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass vom Stift durch die Pflege von Wissenschaft und Musik vielfache religiöse Impulse ausgingen. Die von Chorherren geleitete Stiftsschule zog auch Schüler von auswärts an, die erbau­liche und der Belehrung dienende Dramen und Singspiele zur Aufführung brachten. Verschiedentlich umgebaut und den jeweils modernen Stilrichtungen angepasst wurde auch der Kirchenbau. Er war der äußere Rahmen für das katholische Leben. Mitten im Dreißigjährigen Krieg erhielt die bis dahin eher einfache, saalartige und flach gedeckte Kirche eine barocke Ausstattung mit Tonnengewölbe (1629 -1635), und hundert Jahre später (1738 -1766) wurde das Kircheninnere erneut im heiteren Stil des Rokoko um­gestaltet. Beherrschendes Thema der farbenfrohen Fresken war die Lehre von den Engeln mit Erzengel Michael, dem Patron der Kirche, als Mittelpunkt. Es war eine einladende Atmosphäre, in der sich die Katholiken zum Gottesdienst zusammenfanden, die auch erhalten blieb, als das Augustinerchorherrenstift im Zuge der Säkularisation 1802 auf­gehoben wurde. Während einer Übergangsphase durften Chorherren die Betreuung der Gemeinde fortführen, ehe im März 1805 ein seit Jahrhunderten angestrebtes Ziel erreich und St. Michael zur Pfarrei erhoben wurde. Trotz stark wachsendem Anteil der Katholiken an der Bevölkerung blieb sie bis 1920 die einzige katholische Pfarrei in Ulm. Auch wenr danach und erneut durch Zuzug nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Pfarrsprengel entstanden, gilt St. Michael zu den Wengen doch im Bewusstsein vieler dank seiner zentralen Lage und seiner langen Tradition im unmittelbaren wie im übertragenen Sinne als „Kirche im Herzen der Stadt”.

Prof. Hans Eugen Specker