Wie der Prototyp eines Offroad-Rollstuhls entstand

Was haben 3 zersägte Fahrräder, ein Schweißhelm und ein Schraubenschlüssel mit Inklusion zu tun? Nun, viel – wenn man im Stamm DPSG Saint-Exupéry Ulm in der Jungpfadfinderstufe ist!

Ich bin Christian und leite seit 2 Jahren die „Jupfis“ im Team. Meine Behinderung ist für die Gruppe nie ein wirkliches Thema gewesen; im Gegenteil.

Dennoch stößt man im Rollstuhl gerade auf Zeltlagern, dem klassischen Aufenthalt eines Pfadfinders, ab einem gewissen Punkt auf erhebliche Schwierigkeiten. Eine von Sommerregen aufgeweichte Wiese ist schon ein Grund sich manchmal zu wünschen, seinen fahrbaren Untersatz einfach einmal in die Ecke stellen zu können.

Diese Tatsache blieb auch meinen Gruppenjungs und Mitleitern nicht verborgen – und so nahmen, Marc, mein Mitleiter und Silas, einer der Gruppenjungs, mich nach einer Gruppenstunde beiseite meinten „Wir haben gesehen, dass es dir auf dem letzten Zeltlager selbst mit Begleitung schwerfiel, überall dabei zu sein. Das muss verbessert werden!“

Gesagt, getan! Und so staunte ich dann doch etwas, als ich einen Monat nach dieser Ankündigung den groben Entwurf eines Prototyps „Offroad-Rollstuhls“ präsentiert bekam. Zu diesem Zweck hatten die beiden zwei Fahrräder sowie ein Kinderrad zersägt und mit einigen Kilo Stahl zu einem dreirädrigen Gefährt neu vereint. Nach einer Begutachtung eines Sachverständigen der Technischen Hochschule Ulm wurde der Plan überarbeitet, das Gefährt nochmals auseinander genommen und neu verbaut. Dabei dient das abgesägte Kinderrad zur Stabilisierung des hinteren Bereiches des Rollstuhls.

„Damit ist es aber noch nicht lange getan“ bekam ich zu hören. Logisch, denn selbst den geübten Rollstuhlfahrer verlässt bei Dauerbelastung des Bizeps irgendwann die Kraft. Dass die beiden Hobby-Ingenieure daran gedacht hatten und eine Motorisierung planten, überraschte mich ebenso wie die Überlegung, wie meiner Beinspastik entgegen gewirkt werden könnte.

Marc hatte einen Tag später ein Crowdfunding initiiert, um die bereits entstandenen und kommenden Ausgaben zu decken. Denn die ausgeklügelte Elektronik, Akkus und Motoren kosten doch einiges an Geld. Für die weitere Ausstattung wurden inzwischen auch Förderanträge beim Stadtjugendring Ulm, der Freunde und Förderer des DPSG Diözesanverbandes Rottenburg-Stuttgart und der Aktion Mensch gestellt.

Was bringt aber zwei Jungs dazu, ein solches Projekt – außerhalb der Gruppenstunde- ins Leben zurufen und mit teilweise eigenen finanziellen Mitteln zu bestreiten? Als ich Marc mit dieser Frage konfrontierte, zeigte sich ein Schmunzeln in seinem Gesicht. „Mir geht es um den Spaß. Ich wollte immer schon ein motorbetriebenes Fahrwerk bauen. Problem war nur, dass ich bisher keinen Grund hatte, es umzusetzen. Als ich dich an unserem Zeltplatz, dem Spatzenweiher, in Burtenbach ständig festhängen sah, hatte ich den Grund. Wenn man seinem Spaß gerecht wird und dabei etwas gutes tut, ist das doch eine super Sache!“

Und Silas ergänzte: „Ich habe ja auch einen Mehrwert, denn ich freue mich schon darauf, den Koloss später auch als Testfahrer zu fahren. Außerdem ist es eine Lehre fürs Leben. Man lernt, in Schwierigkeiten nicht aufzugeben, sondern dass es immer einen Weg gibt!“ Dann grinste auch er und vollendete mit ironischem Unterton: „Und es eröffnet ganz neue sportliche Disziplinen, wenn man 150 Kilo -im Falle eines Motorausfalls- durch die Gegend ziehen muss.“

Artikel: Christian Pubanz | Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg, Stamm Saint-Exupéry Ulm; presse.dpsg-ulm.de